
„Das große Erwachen“ kündigt das neue Album „Unausgesprochen“ von Annett Louisan an. Am 21.10.05, fast genau ein Jahr nach ihrem viel beachteten Debut, erscheinen gleich 16 Titel zwischen Chanson und Jazz. Lustiges, listiges und Freches über Männer – und Frauen. Aber auch wenn Louisan austeilt – sie tut es immer mit einem Augenzwinkern.
Die Texte entstanden wieder spielerisch und scheinbar mühelos wie alle anderen in einer eng verzahnten Zusammenarbeit mit Frank Ramond.
Wie bei Annett Louisans erstem Singlehit „Das Spiel“ stammt der Text der neuen Single von Frank Ramond und die Komposition von Frank Ramond und Matthias Hass.
Übrigens: Bei der ersten Verleihung des German Radio Awards am 02.09.05 im Berliner Tempodrom wurde Annett Louisan mit dem Goldenen Mikrofon in der Kategorie BEST RADIO FEMALE NATIONAL ausgezeichnet
Der Text zum Song:
ich tat sehr viel Stoff in mein Dekolleté
pflegte meine Haut und mein Renommee
ich hab mich benommen so als hätt ich Stil
noch ein Schlückchen Sekt? ach bitte nicht so viel!
ich hab mich bemalt damit du mich siehst
ich hab mich geaalt wie ein kleines Biest
ich war die blonde Elfe mit gesenktem Blick
doch das war nur ein Trick damit ich dich krieg
und jetzt möchte ich dass du mich liebst
ganz genau so wie ich wirklich bin
und mir all meine albernen Macken vergibst
meine Fehler jetzt verdammt nimm sie hin !
hab nicht viel gesagt damit man dich hört
hab nicht laut gelacht nur falls es dich stört
du hast viel erzählt ich tat int`ressiert
dabei hab ich kaum was davon kapiert
ich hab dich verführt so als hätt ich Lust
dabei ganz bewußt nicht zu selbstbewußt
ich hab mich verrenkt unter deinem Zelt
und hab so getan als ob ´s mir gefällt
und jetzt möchte ich...
ich hab mich gefärbt ich hab mich gebräunt
ich hab doof geguckt immer schön verträumt
als einzige Lasche zwischen all den Schnallen
hab ich mich verstellt um dir zu gefallen
und jetzt möchte ich...

Das Spiel wird zum raffinierten Rollenspiel, erfindungsreich und voller Nuancen. Nicht nur zwischen Frau und Mann und Mann und Frau, sondern auch das Verständnis Frauen unter sich. Die Stimme macht’s auch hier: Ausdrucksvoll wie die einer Theaterschauspielerin, dennoch nicht bühnentechnisch routiniert. Denn Annett Louisan tut etwas weit charmanteres: Sie „erzählt“ die Lieder. Nicht „ihre” Geschichte, aber jede Menge eigene Geschichten.
Annett Louisans zweites Album „Unausgesprochen“
pirscht zunächst leise und knüpft scheinbar nahtlos an das Debüt
an. Schnell wollte sie es dem überraschend erfolgreichen Debut folgen
lassen. Die neuen Lieder waren zu einem großen Teil schon während
der Tournee 2004 entstanden, manche schon vor Publikum präsentiert und
unter spontanem Beifall ausprobiert. Es waren große Hallen und breite
Bühnen, die Annetts Stimme mühelos ausfüllte: Auch das eine
kleine Überraschung nach dem Senkrechtstart. Standing Ovations und Begeisterung
für eine Künstlerin, die eben nicht ein bloßes „Song-Wunder”
war, sondern eine Performerin mit Charisma. Das hatte nicht jeder erwartet,
vielleicht nicht mal alle ihre Fans.
In nur vier Wochen war das neue Album in groben Zügen aufgenommen. Klare
Peilung, sehr genaue Vorstellung von dem, was werden sollte, beflügelte
die Arbeit: Annett Louisan und ihr Texter/Produzent Frank Ramond sind inzwischen
ein eingespieltes Kreativ-Team. Dennoch legten sie angesichts der musikalischen
Grenzerweiterungen ein verblüffendes Tempo vor.
Samba, Tango und Walzer, Cooles, Chanson, Musette: Schon die gewachsene Stilvielfalt
der Kompositionen reflektiert, dass Annett Louisan mit „Unausgesprochen“
neue Pfade gehen will. Sie integriert eigene musikalische Vorlieben wie Jazz,
probiert ungewohnte Arrangements und rhythmische Strukturen aus. Intensiver
noch als auf „Bohème” spielt, entdeckt, seziert und präzisiert
sie die Situationen und Figuren der Chanson-Geschichten. Manchmal („Widder
wider Willen”) erinnert ihre lässige Prägnanz an Charles Aznavour.
Das kommt nicht von ungefähr, das klassische Chanson ist die zweite große
Liebe von Annett Louisan.
„Chancenlos” ist eine dieser Studien, über ein Mädchen
voller Liebe, aber ohne Glück. Präzise gezeichnet, ein wenig bitter,
doch mit Sympathie, eine makellose Miniatur aus dem banal-bösen Teen-Leben,
aber nicht ohne Hoffnung. Denn „Das Leben spielt auf Zeit, bis es gewinnt
/ grad wenn du brüllst und schreist, stellt es sich blind”. Oder
die prototypische, bestgehasste, überdrehte Freundin „Eve”:
Angetan und ausgefüllt mit einer ganzen Kollektion von Eigenschaften,
aber nur wenig mehr dahinter. Hier geht’s schon etwas sarkastischer
zur Sache, der milde Blick verfinstert sich zur ätzenden Satire, distanziert
und scharf geschossen. Ambivalente Gefühle: „Sie ist ... geschickt
und effektiv / ich hasse sie abgrundtief”, das Leben ist nicht einfach,
dafür oft widersprüchlich und paradox.
Wie bei der giftigen Song-Begegnung mit einem penetranten
„Torsten Schmidt” im Hinterkopf: Ein absurder, klitzekleiner Horrorfilm,
der im zentralen Gedanken-Kino läuft. Verpackt in einen entspannten Train-Beat
Rhythmus, garniert mit Akkordeon und Dobro, wird der zwischenmenschliche Schrecken
locker ironisiert. „Es ist ein Spiel mit den eigenen Schwächen”,
sagt Annett Louisan über ihre neuen Lieder, „auch mit den unangenehmen
Dingen. Gerade, wenn etwas schief geht, ist es meist besser, es direkt auszusprechen
und sich ein wenig darüber lustig zu machen.”
Ganz anders dagegen „Wo ist das Problem?”: Klarinette, Kontrabass,
Piano, Tango-Noblesse mit minimalen Gesten, verrauchtes Tanz-Café.
Und man wird Zeuge einer intimen Beziehungs-Tristesse, in der eine Frau so
intensiv die Untreue ihres Partners imaginiert, bis sie schließlich
wahr wird. Eine Momentaufnahme, eine typische Lebenssituation in kurzen Zeilen.
„Unausgesprochen“: Wie ein roter Faden zieht sich dieses Thema
der verdrehten und widersprüchlichen Gedanken durch das Album - Gedanken,
die keiner ausspricht, die aber dennoch das Handeln lenken. „Wo ist
das Problem?“ ist eines der Lieder (diesmal sind es mehr als auf „Bohème”),
bei denen Annett Louisan als Co-Texterin mitwirkte. „Es die perfekte
Mischung aus Franks und meinen Worten, die wirkt. Er ist rationaler, ich bin
viel emotionaler, das ergänzt sich”, erklärt sie. Ganz besonders
effizient in einem Stück wie der „Lösung“, das die vielleicht
markanteste Schnittstelle der Veränderung vom ersten zum zweiten Album
geworden ist.
„Dabei habe ich die Erfahrung gemacht”, erzählt Annett Louisan,
„dass unsere Fantasien viel schöner und nachhaltiger wirken, je
mehr ich mich als Person zurücknehme. Ich lasse den Menschen ihre eigenen
Dinge, die sie in ihrem Kopf haben. Dadurch behalten die Lieder ihr Geheimnis.”
Die Ironie, mit der Annett Louisan so gern jongliert, verlangt diese Distanz.
Ein eleganter Drahtseilakt mit entsprechendem Mut zum Risiko, denn wo die
Gesten sparsam werden, zählt jede Bewegung doppelt. „Ich mag es
total, mit schweren Wörtern leicht umzugehen”, sagt Annett Louisan.
Schon wieder paradox? Nur auf den ersten Blick. Denn leicht sieht alles aus,
das gelingt.

