Die Suche schwarzer Jazzmusiker nach ihren
afrikanischen Wurzeln begann vor rund 50 Jahren und war ein Nebenprodukt der
amerikanischen Bürgerrechtsbewegung, die der schwarzen Community in den
USA ein geschärftes Selbstbewußtsein verschaffte. Dieses spiegelte
sich schnell auch in den Werken progressiver und avantgardistischer schwarzer
Jazzmusiker wider, die damals nach einer neuen kulturellen Identität
suchten. Zu den ersten Musikern, die sich auf die Suche nach ihren afrikanischen
Roots begaben, gehörten etwa die Saxophonisten Yusef Lateef (der in den
80er Jahren vorübergehend in Nigeria lebte, studierte und lehrte), John
Coltrane und Pharoah Sanders, der Sänger Leon Thomas sowie der Pianist
Randy Weston. Interessante Projekte, bei denen sich amerikanische Jazzmusiker
mit afrikanischen Rhythmen und Klängen beschäftigten, hat es seitdem
immer wieder gegeben. Zwei äußerst gelungene Beispiele der jüngeren
Vergangenheit sind die Alben “Sarala” (1995) des Pianisten Hank
Jones und “MALIcool” (2003) des Posaunisten Roswell Rudd. Beide
entstanden in enger Zusammenarbeit mit Musikern aus Mali und auf beiden wurden
auch Elemente malischer Popmusik einbezogen.

Der Keyboarder Cheick Tidiane-Seck, der bereits das “Sarala”-Album
von Jones koproduziert hatte, stand nun auch der Sängerin Dee Dee Bridgewater
bei ihrem “Red Earth”-Projekt in Mali zur Seite. Den Titel “Red
Earth” wählte die in Memphis geborene Sängerin, weil sie in
Mali eine ähnlich rote Erde entdeckte wie in ihrem Heimatstaat Tennessee.
“Seit ein paar Jahren spüre ich tief in meinem Innersten, daß
ich meine afrikanischen Wurzeln finden muß”, erzählt Dee
Dee Bridgewater. “Also hörte ich mir Musiken aus verschiedenen
schwarzafrikanischen Ländern an, in der Hoffnung, daß mich eine
von ihnen mit einer besonderen spirituellen Kraft ansprechen würde. Und
genau das tat die Musik aus Mali.”
Die Bevölkerung des westafrikanischen Mali setzt sich aus rund dreißig
verschiedenen Ethnien zusammen, und diese kulturelle Vielfalt spiegelt sich
natürlich auch in der Musik des Landes wider, das eine ganze Reihe international
bekannter Musiker/innen hervorgebracht hat: darunter Salif Keïta, Ali
Farka Touré, Kanté Manfila, Oumou Sangaré, Mamani Keïta,
Toumani Diabaté, Habib Koité und Boubacar Traoré. Gerade
in den letzten paar Jahren zog das Land deshalb auch immer wieder westliche
experimentierfreudige Pop-, Rock- und Bluesstars wie Ry Cooder, Taj Mahal,
Bonnie Raitt, Bruce Cockburn, Corey Harris, Markus James und Damon Albarn
(Blur, Gorillaz oder aktuell zusammen mit Afrobeat Drummer Tony Allen bei
The Good, The Bad & The Queen) an. Und nun also Dee Dee Bridgewater.

Einen ersten Vorgeschmack auf die Musik von “Red Earth” konnte
man im September 2006 bei drei Konzerten im Pariser Jazzclub Le New Morning
erhalten, die Bridgewater als öffentliche Proben für das Album bezeichnete.
Ziel des Projektes war es, so Dee Dee, zu den “eigentlichen Wurzeln
des Jazz und Blues” sowie ihrer eigener Geschichte als Afro-Amerikanerin
vorzudringen.
Im Le New Morning stießen zu Bridgewater und Tidiane-Seck die international
bekannten Mandingo-Sängerinnen Mamani Keïta und Mama Kouyaté
und Musiker wie Moriba Koïta (N’goni), Baba Sissoko (Tamani), Yacouba
Sissoko (Kora), Moussa Sissoko (Djembé), Ali Wagué (Peulh-Flöte),
Lansine Kouyaté (Balafon) und Maré Sanogo (Doum-Doum). Dee Dee
brachte zu den Sessions außerdem ihr derzeitiges Trio mit: den aus Puerto
Rico stammenden Pianisten Edsel Gomez, den Bassisten Ira Coleman sowie den
argentinischen Schlagzeuger und Perkussionisten Minino Garay.
Im Oktober 2006 ging Dee Dee Bridgewater dann mit ihrem Trio, Cheick Tidiane-Seck
und einer Vielzahl malischer Künstler (darunter die einzigartige Sängerin
Oumou Sangaré) für vier Tage in Bamako ins Bogolan Studio (das
dem im März 2006 verstorbenen Ali Farka Touré gehörte), um
dort die Musik für “Red Earth” aufzunehmen. Das Repertoire
enthält vor allem traditionelle Mandingo-Stücke aus Mali, aber auch
spannende Versionen von vier Jazzklassikern: von Mongo Santamarias “Afro
Blue”, Nina Simones “Four Women”, Wayne Shorters “Footprints”
und dem durch Les McCann und Eddie Harris bekannt gewordene Gene McDaniels-Song
“Compared To What”. Herausgekommen ist dabei eine wirklich einmalige
Fusion aus traditionell malischer Musik und Jazz.
Facts
“The Wiz" (1975) Tony Award
"Keeping Tradition" (1994) Django D'Or Auszeichnung
"Dear Ella" (1997) Grammy Auszeichnung
UN Botschafterin für Nahrung & Agrakultur
Biographie
Manche Kritiker sehen in Dee Dee Bridgewater nach Betty Carter die legitime
Nachfolgerin der Jazz-Legende Ella Fitzgerald. Tatsächlich gehört
sie zu den versiertesten Sängerinnen der mittleren Generation, die ein
ausgeprägtes Gespür für Swing mit ungewöhnlicher Musikalität
und reichlich darstellerischem Talent verknüpft. Bridgewater ist eine der
großen Entertainerinnen der internationalen Jazzszene, bildet mit ihrer
zugleich leichten und dunklen Stimme und ihrer jovialen Scat-Kompetenz ein gelungene
Verbindung der klassischen Bebop-Schulen mit Verweisen sowohl auf die Leichtigkeit
Anita O'Days als auch auf Sarah Vaughans Intensität.
Dee Dee Bridgewater wurde am 27. Mai 1950 als Denise Garrett in Memphis geboren
und wuchs in Flint im Bundesstaat Michigan auf. Sowohl die Großmutter
als auch ihre Mutter waren als Sängerinnen und Tänzerinnen

erfolgreich gewesen und hatten ihr Talent an die Tochter weiter gegeben. Schon
früh zeigte Denise vokale Begabung und trat zunächst von 1966 an in
lokalen Clubs als Soul- und Jazzsängerin auf. Erste größere
Engagements brachten sie 1968 mit dem Saxofonisten Andy Goodrich und der Band
der Michigan State University zusammen, in deren Reihen sie unter anderem am
Festival der Universität of Illinois teilnahm. Zusammen mit John Garvey
unternahm sie ein Russlandtournee, und lernte um 1969 den Trompeter Cecil Bridgewater
kennen, den sie bald darauf heiratete.
Um 1970 landete die junge Sängerin in New York
und arbeitete sich langsam, aber stetig in die dortige Modern Jazz- und Soul-Szene
hinein. Von 1972 an konnte man sie als Teil der Thad Jones / Mel Lewis Big Band
erleben, bald darauf wurde sie von der Presse als eines der kommenden Talente
gepriesen. Sie sang am Broadway in dem Musical "The Wiz" (1975), wurde
dafür mit einem Tony Award ausgezeichnet, und begann zunehmend, auch als
Studiomusikerin zu reüssieren. In diesen Jahren konnte man Bridgewater
unter anderem an der Seite von Pharoah Sanders, Roland Kirk oder Stanley Clarke
erleben, darüber hinaus wagte die 1974 mit "Afro Blue" ihr Debüt
als Solo-Künstlerin. Für "Just Family" (1978) konnte sie
bereits Clarke und den Pianisten Chick Corea als Sidemen gewinnen, im selben
Jahr wurde sie beim Newport Jazz Festival von Presse und Publikum gefeiert.

Während der achtziger Jahre entwickelte sich Bridgewater,
die auch nach der Trennung von ihrem Mann dessen Namen beibehielt, zu einer
der viel gebuchten Künstlerinnen des soulig swingenden Mainstreams. Sie
ließ sich nach Erfolgen bei der Grande Parade de Jazz in Nizzas 1986 in
Paris nieder, machte dort durch ihre Rolle in dem Stück "Lady Day"
von sich reden und schaffte den endgültigen Durchbruch mit dem mehrfach
preisgekrönten Album "Live in Paris" (1986). Von dort aus wurde
sie als tatsächliche Jazzsängerin einem großen Publikum bekannt,
lernte außerdem ihren zweiten Ehemann kennen und blieb fünfzehn Jahre
lang der französischen Wahlheimat treu, bis sie um 2001 in die Nähe
von Las Vegas zog, um als Familienmensch ihrer ebenfalls dort wohnenden Mutter
nahe zu sein.
Über die Neunziger hinweg schaffte es Brigdewater, mit zahlreichen Platten
ihren Ruf als klassische Jazz-Entertainerin auszubauen. "Keeping Tradition"
(1994) wurde mit dem Django D'Or ausgezeichnet, das Tribute an Horace Silver
"Love And Peace" (1995) stellte sich als Bestseller heraus und für
"Dear Ella" (1997) bekam sie sogar einen Grammy überreicht. Mit
"Live At Yoshi's" (2000) fasste sie eine Serie gelungener Clubauftritte
von 1998 zusammen und "This Is New" (2002) präsentierte sie als
inspirierte Interpretin des Songbooks von Kurt Weill. Im folgenden Jahr bekam
die vom Kennedy Center in Washington den Auftrag, ein Programm mit französischen
Liedern zu erarbeiten, das dort Anfang 2004 mit großer Resonanz aufgeführt
wurde. So entstand die Idee, als Hommage an ihre Jahre in Paris das Album "J'ai
deux Amours" (2005) aufzunehmen, mit dem sich Bridgewater als swingjazzende
Chansonière in Musette-getönter Besetzung unter anderem mit Marc
Berthoumieux am Akkordeon abermals auf für sie neues musikalisches Terrain
wagte.
Musiker: Dee Dee Bridgewater - vocals
/ Edsel Gomez - piano / Ira Coleman - bass / Minino Garay - drums & percussion
Special Guests: Cheick Tidiane-Seck - keyboards / Oumou Sangaré, Tata Bambo Kouyaté, Kasse Mady Diabaté & Ramata Diabaté - vocals / Vieux Touré & Djelimady Tounkara- guitar / Toumani Diabaté - kora / Ali Wagué - Peul flute / Bassekou Kouyaté - n’goni / Kélétigui Diabaté - balafon / Baba Sissoko - tamani drum / a.o.