
„Dann stürzen Mauern ein, dann bricht
das Licht herein, dann ist der Krieg vorbei.“/„Hier bin ich, hier
kann ich sein, der Schrank ist und bleibt mein Heim.“ – aus dem
Song „Leben im Schrank“
„In jedem Menschen steckt ein bisschen Kain, die meisten gestehen sich
ihre dunklen Seiten bloß nicht ein“, – so der Tenor der gleichnamigen
Band aus Berlin. „Das Böse interessiert einfach mehr, man nimmt es
viel klarer auf. Unser Name soll insofern aussagen, dass sich viele Menschen
gerne nur als unschuldigen Abel darstellen, der innere Kain bei einem Großteil
der Gesellschaft aber doch auch sehr präsent ist.“
Die Band Kain jedoch, bestehend aus Lino (Gesang, Gitarre), Nico (Gitarre, Gesang),
Holger (Bass) und Schlagzeuger Paul, offenbart sich nur allzu gern. Sie nehmen
kein Blatt vor den Mund, verstecken sich nicht, wollen unbedingt ein ehrliches,
ein ganzheitliches Bild von sich präsentieren und weder den inneren Abel,
noch ihren Schweinehund Kain unterdrücken. So verwundert es kaum, dass
sie in ihren überbordend-melodiösen Songtexturen stets sowohl harmonisch-introspektive
Popanflüge, als auch deftigste Rock-Hooks in Aufbruchstimmung vereinen.
Laut eigener Aussage wollen Kain schlichtweg, dass derjenige Spaßfaktor,
den sie ihrer Musik selbst seit Jahren abgewinnen können, auch auf andere
Menschen überschwappt und die Runde macht.
Ein Teil von Kain gründeten sich bereits vor zehn
Jahren und zwar schlichtweg, um der Tristesse des Teenager-Alltags zu entkommen
und stattdessen mal „auf Sturmfrei schalten zu können“. Paul:
„Wir hatten zum Glück schon früh einen Proberaum, was ein perfekter
Ort des Rückzugs war.“ Um einen solchen Ort des Rückzugs handelt
es sich auch beim dieser Tage erscheinenden Debütalbum der Berliner „Überfliegerpilot[en]“:
LEBEN IM SCHRANK ist ein klanglicher Rundumschlag, der schon jetzt nach dem
ultimativen Soundtrack des anstehenden Sommers klingt. Ihre bisweilen explizite,
unbedingt deutschsprachige Mischung aus deftigem Rock’n’roll und
unfassbar melodiösen „Tagebuch“-Strophen stellt im Handumdrehen
klar, dass es sich bei ihrem selbst auferlegten Schrankdasein nicht um puristisches
Scheuklappen-Tragen handelt, sondern um eine Art kreativen Think-Tank: „Es
geht darum, dass man sich im Schrank einschließt und von dort die ganze
Welt steuern kann. Denn da kann man sich alles vorstellen, da ist es dunkel
und man hat genug Platz – Platz für Gedanken, für Wünsche.
Wenn man will, kann man alles machen. Dann ist der Krieg vorbei.“ Besagter
Freiraum ermöglicht es ihnen auch, so unterschiedliche Songs wie die nach
vorne preschende Sommer-Sause „Es geht mir gut“, das vom verspielten
Basslauf getragene „Zaubern“ oder den minimal-akustischen Regentag-Soundtrack
„Kaffee zum Mitnehmen“ bzw. das vor Melodienvielfalt buchstäblich
zerberstende Titelstück zu einem absolut stimmigen Gesamtbild zusammenzufügen.
In vier Monaten intensiver Arbeit mit der Berliner Produzentengröße Oliver Pinelli (u.a. Wolfsheim), der die Jungs im Übrigen liebevoll (und treffend!) als „Real-Berliner“ bezeichnet (à la „ist schon siebzehn Uhr, lass mal Bier trinken“), haben Kain laut eigener Aussage massig „neue Türen geöffnet“.
Linos bewusst in Deutsch gehaltene Texte – „Man
kann in seiner Muttersprache einfach ganz anders mit Worten spielen oder neue
Wörter erfinden, von daher war das klar.“ – spiegeln inzwischen
einen Großteil seines Lebens wieder: „Wirklich jeder Lebensumstand
schlägt sich auf irgendeine Art in diesen 13 Songs nieder, wirklich alles.
Sogar das Gefühl, dass man zeitweise vielleicht zu intensiv in der Musik
lebt und zu wenig Zeit für andere Dinge hat; selbst so ein Gefühl
kommt mal hoch, und dann muss es natürlich auch irgendwie raus.“
Ausleben werden sie ihre Gefühle natürlich auch live: Nachdem sie erst kürzlich mit 3 Doors Down und Keith Caputo tourten stehen zur Veröffentlichung ihres Tonträgers die erste eigene Tour und einige Supportshows bei der Gruppe Reamonn ins Haus... Man darf jetzt schon gespannt sein, wie das LEBEN IM SCHRANK auf der Bühne aussehen wird.