Anfang März veröffentlicht Lucinda
Williams – nach vier Jahren der Abwesenheit – ein neues Studioalbum
mit dem Titel „West“: Dreizehn Songs, auf denen die Grammy-dekorierte
Singer-Songwriterin ihren Lebensschmerz zu faszinierender Schönheit überhöht.
„Die letzten vier Jahre waren wahrscheinlich die schwierigste aber auch
die kreativste Zeit, was mein Schreiben anging“, kommentiert die von
der Plattenkritik angebetete Rootsrock-Heldin. „Ich musste den Tod meiner
Mutter verarbeiten und blickte zurück auf eine turbulente Beziehung mit
schlechtem Ende – offensichtlich gab es viel Schmerz und Kampf für
mich, aber ich sah das Licht am Ende des Tunnels“, sagt die Sängerin,
die sanft wie Butter klingen kann und im nächsten Moment rau wie Howlin´Wolf.
Courtney Love sähe mit 54 bestimmt gern aus wie sie.
Auf ihrem Meilenstein-Album „Cars Wheels On A Gravel
Road“ (1998, es erschien 2006 erneut als aufwändig verpackte DeLuxe-Edition)
wanderte die wichtigste Songwriterin im Alternative Country auf dem schmalen
Grat zwischen melancholischer Introvertiertheit und bissig-ironischen Statements.
Von dieser Balance hat sie nichts verloren. Im Abgrund des Vulkans lässt
Williams auch auf ihrem neuen Album Funken sprühen: „Come On“,
ein Titel in der Stimmung von Bob Dylans „Positively 4th Street“,
packt den Zuhörer beim Kragen. Das kantige „Wrap My Head Around
That“ mäandert danach über neun Minuten durch serpentinenartige
Gitarrenriffs von Bill Frisell, der damit die scharfzüngigen

Wortspiele von Williams contrapunktiert. Sie ging auch auf diesem Album akribisch
vor. Die Musik ordnet sich ihren Geschichten komplett unter. Wie Mantren ranken
sich die Gitarrenriffs und Basslinien, die kleinen, sehr genau ausgesuchten
Ornamente von Hammondorgeln, Streichern und Akkordeons um ihren lyrischen
Kosmos. Williams verpackt ihre unglaublich gut erzählten Geschichten
sehr schlicht, sie verpackt sie wählerisch, detailversessen und bewusst,
sie hat etwas zu sagen und das soll unbedingt im Mittelpunkt stehen bleiben.
Ihre emotionale Odyssee auf „West“ bohrt sich einem dadurch direkt
ins Herz.

„Hal hatte großen Einfluss auf den Sound von
„West“. Er brachte viele Ideen ins Spiel, er stellte mir eine
Menge Musiker im Studio vor und er streute hier und dort auch mal ein paar
Samples ein“, erzählt Lucinda Williams, die selbst in letzter Zeit
ganz unterschiedliche Musik gehört hat: Von Thievery Corporation und
M.I.A. bis The Black Keys und die White Stripes.
„Als wir uns trafen, kannte ich seine Arbeit gar nicht so genau, und
dann hörte ich mir das von ihm produzierte Marianne Faithfull-Album „Strange
Weather“ an, das mich überzeugte. Es hat Folk- und Blues-Wurzeln
und es hat dabei diese sehr ausgereifte weibliche Energie.“
Eine Beschreibung, die auf Williams´ eigene Arbeit seit den frühen 80ern wie die Faust aufs Auge passt. Ihr Gespür für „Tradition, die kein Revival ist“, die Verbindung von Wurzeln und ungestümer Wildheit galoppieren durch die Songs auf „West“. In weiter Ferne am Horizont: ein Lichtstreifen namens Erlösung. „Es gibt nur eine begrenzte Zahl von Themen, über die man wirklich schreiben kann“, erklärt die anspruchsvolle und manchmal in ihrer Karriere als Kontrollfreak verschriene Williams: „Liebe, Sex, Tod, Verlust, Trost“. „Ich glaube nicht, dass ich jemals wirklich spirituelle, mentale Freiheit erreiche, während ich noch über diesen bestürzten, chaotischen Planeten laufe“, lächelt die Dichterin lakonisch. Williams´ offene und freigeistige Suche macht ihre Geschichten spannend. „Mich langweilt, wenn Leute immer wieder sagen, dass meine Songs nur traurig und düster wären“ sagt sie. „Da gibt es eine Menge mehr – einen philosophischen Aspekt und auch Komik. Ich habe einen Kreis geschlossen, ich habe mich verwandelt.“
Lucinda Williams als den „weiblichen Bob Dylan“ zu bezeichnen, klingt erst einmal unglaublich pathetisch und platt. Aber wie so oft: Es bleibt hängen. Von diesem Vergleich scheinbar ermutigt, könnte man dann sagen, sie sei der „weibliche Townes Van Zandt, Hank Williams oder gar Keith Richards“. Warum diese unselige Schubladenfixiertheit? Wohl, weil sich das Verhältnis von Bedeutung und Bekanntheitsgrad bei Lucinda Williams in der Schieflage von „echter Kunst“ befindet. Und das bezeichnenderweise, weil sie „alles richtig gemacht hat“: In 30 Karrierejahren veröffentlichte die 54jährige nur sieben Studioalben und wurde für drei von ihnen mit Grammies ausgezeichnet. „Time Magazine“ erklärte sie zu Amerikas bestem Songwriter. Mary Chapin Carpenter, Emmylou Harris und Tom Petty coverten ihre Songs. Lucinda Williams, in Amerika bereits eine Legende und allerorts eine von „Acoustic Rock“-Fans kultisch verehrte Singer-Songwriterin, ist in Deutschland dafür immer noch ein Insidertipp (mal abgesehen von ihrem Song auf dem Soundtrack von „Der Pferdeflüsterer“).