
Orange Blue sind immer noch Vince Bahrdt und
Volkan Baydar, beide 35. Aus ihren Kompositionen und Texten entstehen die weit
gespannten Projektionsflächen für die emotionsgeladene, unvergleichbare
Stimme von Volkan Baydar. Aber sonst hat sich in den letzten Jahren viel bei
Orange Blue verändert.
Sie waren auf dem vorläufigen Höhepunkt ihres Erfolges. Ihre erste
Single, „She’s got that light“, war monatelang in allen Ohren
und in den Charts. Das erste Album „In love with a dream“ ging Gold
– damals galt das noch für satte 250.000 Alben.
2001 dann das zweite Album. „Songs of liberty“ - und wieder ein
großer Wurf. Ein Titel daraus, „The Sun On Your Face“, schaffte
es sogar in eine Hollywood-Verfilmung, ein anderer in die Disney-Produktion
„Dinosaurier“. „Powered by Emotion“ war eine Steilvorlage
für die Programmprofilierung von SAT1. Die folgenden Tourneen waren ausverkauft.
Ihre Karriere kannte eigentlich nur eine Richtung: die nach oben. Über
eine Million Tonträger wurden insgesamt verkauft.
Aber waren sie deshalb Superstars? Damals wie heute unvorstellbar. Was ist überhaupt
ein Superstar? Vince Bahrdt und Volkan Baydar ließen sich nicht einnehmen,
weder von ihren Fans, noch von den gängigen Imagecodes eines vermeintlichen
Superstars, noch von der scheinbar unausweichlichen Vorhersehbarkeit einer weiteren
CD-Produktion mit ihrem angestammten Team, in dem sie sich schon lange nicht
mehr recht wohl fühlten.
Da taten sie etwas in der Branche Unerwartetes, mehr noch, Unerhörtes:
Sie nahmen sich die Freiheit, sich zu lösen von Plattenfirma, vom damaligen
Management, Producerteam, vom Musikverlag, vom Tourneeveranstalter. Einfach
von allem. Schnitt. Auf der Höhe ihres Erfolges sprengten sie ihr gesamtes
Netzwerk, um frei zu sein für eigene Entscheidungen, für einen neuen
Weg. Insider wissen, was das bedeutet: „Never change a winning team.“
Endlose Auseinandersetzungen um Rechte und Einnahmen, Neuorientierung –
man ist mental blockiert, frustriert - meistens geht so etwas nicht gut. Sei’s
drum.
Sie konnten sich von allem loslösen, aber nicht von dem Wunsch, schnell
wieder ins Studio zu gehen, Musik zu komponieren, Songs zu schreiben. „Panta
Rhei“ enthielt zwar eine ganze Reihe wunderschöner Pop-Songs in der
anspruchsvollen Orange Blue-Tradition, aber die gesamte neue Infrastruktur,
ohne die ein auch noch so gutes Album nie den Weg vom Studio zum Publikum findet,
hatte sich noch nicht synchronisiert. In dieser Zeit hat die Öffentlichkeit
Orange Blue eigentlich nur bei der Teilnahme am Song Contest 2005, einigen Festivalkonzerten
sowie bei einer Tournee zusammen mit Lionel Richie wahrgenommen.
Ihre neue Plattenfirma Universal blieb cool und die Musiker behielten ihr Selbstwertgefühl.
Sie hatten ja, was sie brauchten: die Freiheit, sich weiter auszuprobieren.
Ohne den Zwang zur Anpassung an den Markt oder sogar an das Orange Blue-Projekt.
Sie unterzogen sich der Herausforderung, sich immer wieder neu zu entdecken.
Und sie nahmen sich genügend Zeit, um neue Songs zu komponieren und zu
schreiben. Sie brauchten ja keinem Supererfolg hinterherzuhecheln. Sie haben
sich das eigentliche künstlerische Selbstverständnis geleistet, nur
ihrer eigenen Intuition, ihren eigenen Maßstäben zu folgen. Produktionsumstände,
von denen viele andere Musiker nur träumen können. Das Ergebnis liegt
nun vor: „Superstar“ (2007), produziert von Deekay und Orange Blue.
Die Songprofile:
Love and fear
Der Song hat einfach alles, was einen perfekten Popsong ausmacht: funky Beats
und Gitarren, einen bewusst gesetzten Chor und einen äußerst eingängigen
Chorus-Hook auf 3:32. Außergewöhnlich wird das Ganze durch Volkans
variantenreiche Stimme, die gekonnt mit einem fast kravitzschen Sexappeal
spielt. Das groovt wunderbar in frischem Mid-Tempo und wird angesichts des
nicht zu überhörenden Hitpotenzials als erste Single ausgekoppelt
werden. (VÖ 1/07)
You’re all I need
Schwere, dunkle Beats, sphärische Gitarren, wabernde Synthies und ein
majestätischer Chor machen den Song zu einem Begleiter für stürmische
Tage oder dunkle Gedanken - welche sich durch die warmen, hoffnungsvollen
Klänge leichter ertragen lassen.
It’s my life
Überraschend. Wer verbindet mit Orange Blue schon treibende Rockgitarren?
Kratzige, dreckige Sample-Beats in der Strophe, geradezu akrobatische Bassfiguren,
partiell fast aggressiver Gesang und ein rockiger Mid-Tempo-Chorus. Eigentlich
nur an der Stimme als ein Orange Blue-Song zu erkennen.
Amelie
Ein Song mit Hitpotenzial, in dem Volkan mit unglaublicher Leidenschaft seine
Liebe heraussingt, -schmachtet und -schreit. Gebettet auf einem luftigen Teppich
aus akustischen Gitarren, einem wunderschön verspielten Bass und Vince’
fast blumigem Piano ist „Amelie“ ein Vorbote des Frühlings
– die Gefühle sind jedenfalls hörbar schon da.
She’s with me
Leise, aber dramatisch anmutende, verspielte Dissonanzen des Klaviers sind
charakteristisch für das Gefühl des Stückes. Durch mächtige
Streicher, Chor und flächige Akustikgitarren wird „She’s
with me“ zur Ballade der großen Gefühle. Spannend ist übrigens
auch die Kombination von Piano und R’n’B-Beats zu Beginn, das
erinnert an „Dirty Diana“ von Onkel Jackson, die Stimme zeitweise
auch.
Superstar
Was soll man da sagen: eine ultimativ sexy Disconummer. In bester Tradition
von, wahlweise, Michael Jackson, Prince, George Michael, sogar Earth Wind
& Fire oder Mousse T. Volkans energetisches Organ tobt sich wahrlich aus
auf einer sparsam instrumentierten, aber höchst effektiv arbeitenden
Groovemachine aus einem fetten Uptempo Four to the Floor, funky Gitarren und
einem pumpenden Bass (der ist selbst bei Chic- oder Incognito-Nummern nicht
geiler getroffen!). Unvermeidlich bei so einer Nummer: laszive, betörende
Frauenchöre im Chorus. Einsatzmöglichkeiten für diesen Song:
Tanzen, Sex, Cadillac-Fahren. Auch bei anderen Tätigkeiten sicher förderlich.You’re
my home
An ehesten vertrauter Orange Blue-Sound, wenn auch erweitert um sehr viel
mehr Atmosphäre durch ein paar verspielt-dreckige Gitarren – und
dieser Harmonium-Sound fast wie aus „Strawberry Fields“. Here
again
Kreative bis „bemerkenswürdige“ Mischung: R’n’B
plus Rockballade plus ganz viel Piano plus Volkan… Eignet sich aufgrund
der großen Dynamik bei gleichzeitig romantisch-emotionaler Stimmung
gut für die Bettkante…
I am not afraid
Diese laszive Stimme ist nicht die von Lenny Kravitz, das ist Volkan Baydar.
Immer lässig, distanziert, leicht kratzig und bei allem immer emotional,
eine nie ganz saubere, natürliche Akustikgitarre nackt auf sehr trockenem
Schlagzeug – das hat was. Hängen bleibt aber auch der streicherversehene
Chorus, der sich, blütengleich, dem Hörer eröffnet… und
schon wieder „Strawberry Fields“.
All that matters
Na also: Orange Blue können also auch noch so richtige Balladen! Und
wie. Eine vor Emotionen zitternde Stimme rankt sich über tränenbewehrte
Pianoklänge durch großen Orchesterwald. Großes Gefühlskino.
Doch trotz aller Dramatik findet der Song durch kleine, feine Dur-Wendungen
immer seinen Weg ins zwar romantische, aber positive Gefühl.
If you love me
… Anfangs nur Volkans Stimme, jazziges Piano und eine sanft mit Besen
gewischte Snare: So klingt der Herbst, wenn die Blätter langsam fallen.
„If you love me“ kommt daher wie eine jazzig-soulige Ballade,
die auch Sade gut zu Gesicht gestanden hätte. Volkans Melancholie, die
später einsetzenden, sehr leichten, blubbernd-pulsierenden Synthie-Beats
und die sehr sphärischen Chöre geben dem Song den Appeal bester
End-80er-Balladen.
So beautiful
„So beautiful“ ist… na klar: so beautiful. Ein wunderschön
transparentes Arrangement. Da hat alles seinen eigenen Platz, aber nichts
steht in Konkurrenz zu der alles überstrahlenden Stimme.
Lost
Das Album verabschiedet sich mit einer Art Orange Blue-Reprise: eine Ballade
mit Pianobegleitung und Streichern, leicht süßlich und mit Anklängen
von Filmmusik. Na klar, Orange Blue, denkt man. Aber es ist nicht das große
Orchester, die Süße hat Brüche. In fast greifbar gedämpfter
Stimmung umspielen die Streicher verhalten und zerbrechlich Stimme und Klavier.
Das Stück klingt sehr unprätentiös und trocken und fesselt
mit bedrückender Intimität. „Lost“ hinterlässt
einen vielleicht nicht „verloren“, aber doch auf eine nachdenkliche
Weise verlassen.
Das Video
http://...orangeblue_epk2007..
Das Album „Superstar“
Alles auf „Superstar“ ist so geschmackvoll arrangiert, dass zwar genügend klangliche Fülle vorhanden ist, aber nichts „verklebt“ oder überfrachtet wirkt. Es bleibt Platz für den Charakter aller Instrumente, die, so sparsam sie manchmal auch eingesetzt sind, dann immer auch etwas hörbar Eigenes zu dem Charakter der Songs beitragen. Es bleibt Luft für einen gewissen Groove in einigen Songs, ohne dass dafür die großen Drum’n’Bass-Geschütze aufgefahren werden müssten. Darüber kann sich dann die Stimme von Volkan Baydar variantenreicher und ausdrucksstärker ausbreiten als man Orange Blue in Erinnerung hat: von altbekannt schmachtend über nahezu aggressiv bis hin zu dynamisch-treibend, manchmal sogar beinahe dreckig. Das Piano ist immer da, stilprägend, aber dezent. So wie ein Piano eben klingen soll: ein geschmackvoller Begleiter, der seinen Protagonisten sanft umschmeichelt, unterstützt und dessen Charakter unterstreicht, sich aber nie zu sehr in den Vordergrund drängt – und damit wirklich Klasse zeigt.