
1960 hatte der Keyboarder und Sänger Ray Charles, auch bekannt als The
Genius, gemeinsam mit dem Count Basie Orchestra ein Album mit dem Titel “Genius
+ Soul = Jazz” eingespielt. Es enthielt fast ausschließlich Instrumentalversionen
von Jazzstandards und bedauerlicherweise kaum Gesangsnummern aus Rays eigenem
Rhythm’n’Blues-Repertoire. Nun ist es - dank modernster Technik
und einer gehörigen Portion Chuzpe - zu einem posthumen Aufeinandertreffen
von Ray Charles und dem aktuellen Count Basie Orchestra gekommen. Das Album
trägt den Titel “Ray Sings, Basie Swings”.
Die Idee zu diesem abenteuerlichen Experiment kam
dem Produzenten John Burk Ende letzten Jahres, als er in den Archiven von
Concord Records Tonbänder von einem Ray-Charles-Konzert aus den 70er
Jahren entdeckte. Leider besaß der Live-Mitschnitt einen erheblichen
Makel: Während Rays Stimme auf den Tonbändern klar und deutlich
herüberkam, konnte man die Begleitband im Hintergrund fast nur erahnen.
Burk hatte daraufhin die Idee, die gut erhaltene Tonspur mit der Stimme zu
überspielen und den Part des Orchesters vom heutigen Count Basie Orchestra
unter der Leitung von Bill Hughes neu einspielen zu lassen. Das Ergebnis liegt
nun auf dem sensationellen Album “Ray Sings, Basie Swings” vor.
Die Arrangements schrieben Koryphäen wie Quincy Jones und John Clayton,
und die Band wurde zusätzlich durch die Raelettes sowie Solisten wie
Joey DeFrancesco und John Chiodini verstärkt. Die beiden verstorbenen
Genies, deren Namen das Cover zieren, hätten an dieser ebenso fulminanten
wie ungewöhnlichen Wiederbelebung der alten Aufnahmen sicher ihre helle
Freude gehabt.
John Burk, der 2004 bereits das mit acht Grammys ausgezeichnete Album “Genius
Loves Company” produziert hatte, stieß auf die verschollenen Tonbänder,
die schlicht mit “Ray/Basie” beschriftet waren, als er Ende 2005
in den Concord-Archiven in Berkley/Kalifonien herumstöberte. Detaillierte
Informationen zu den in den 70er Jahren entstandenen Aufnahmen fand er dabei
leider nicht, aber mitgeschnitten hatte sie offenbar der legendäre Impresario,
Verve-Gründer und Produzent Norman Granz.
“Die Qualität der Bänder war leider nicht so toll”,
erinnert sich Burk. “Ich hatte den Eindruck, daß die Live-Aufnahmen
über das Mischpult mitgeschnitten worden waren. Rays Stimme war sehr
klar und deutlich im Vordergrund zu hören, die Band im Hintergrund aber
fast nur zu erahnen. Mein erster Befund war, daß die Tapes eigentlich
nicht zu gebrauchen waren - doch Ray klang einfach umwerfend gut.” Weitere
Nachforschungen brachten dann an den Tag, daß Ray - anders als die Aufschrift
auf den Tapes suggerierte - in Wirklichkeit mit seiner eigenen Band aufgetreten
war und das Basie-Orchester vor ihm gespielt hatte. “Ich war ziemlich
enttäuscht, daß Ray nicht mit der Basie-Band aufgetreten war. Aber
dann kam mir die Idee, daß man die Musik ja mit dem aktuellen Basie-Orchester
neu einspielen könnte.”
“Ray Sings, Basie Swings” ermöglicht Musikfans nun das einmalige
Erlebnis, die Soul-Legende Ray Charles im Zenit seines Könnens und mit
der Unterstützung einer der besten und swingendsten Bigbands der Gegenwart
zu hören. “Das Resultat ist ein wundervolles, authentisches und
unersetzliches Stück Musik”, schwärmt Burk. “Diese Tonbänder
haben nur darauf gewartet, daß die moderne Studiotechnik es endlich
möglich machen würde, Ray bei dem zu helfen, was er auf so natürliche
Weise immer tat: seine Magie walten zu lassen.”
Joe Adams, der langjährige Manager von Ray Charles, nennt die Entdeckung
dieser verschollenen Tonbänder “außerordentlich” und
fügt hinzu: “Ray hatte unglaublichen Respekt vor Basie und sagte
oft, daß er den Wunsch hatte, ein Aufnahmeprojekt mit ihm zu machen.
Durch die Wunder der modernen Aufnahmetechnik konnten wir Rays unerfüllt
gebliebenen Wunsch nun endlich in die Tat umsetzen. So fantastisch wie hier
habe ich ihn selten singen gehört.”
Tatsächlich bietet “Ray Sings, Basie Swings” superbe Interpretationen
von Klassikern wie “Georgia On My Mind”, “I Can’t
Stop Loving You”, “Busted”, “How Long Has This Been
Going On?”, “Let the Good Times Roll”, “Crying Time”,
“Feel So Bad”, “Look What They’ve Done To My Song”,
“The Long And Winding Road”, “Oh, What A Beautiful Morning”
und “Every Saturday Night”. Obwohl Ray Charles den letztgenannten
Titel sehr oft bei seinen Konzerten sang, hatte er ihn nie für ein Album
aufgenommen. Nun liegt er glücklicherweise auf “Ray Sings, Basie
Swings” endlich vor.
Bei der Überarbeitung der Originaltonbänder stand Burk der vielseitig
talentierte Musiker, Produzent und Aufnahmetechniker Gregg Field zur Seite.
Field hatte einst als Schlagzeuger und Arrangeur Ray Charles auf Tourneen
und bei der Studioarbeit begleitet sowie mit Basies Orchester gespielt (u.a.
auf dem 1982 mit einem Grammy ausgezeichneten Pablo-Album “Warm Breeze”).
Er war also wie wohl kaum ein anderer mit der Musik der beiden Genies vertraut
und darüber hinaus auch noch für sein fabelhaftes Können als
Toningenieur bekannt. Bei “Ray Sings, Basie Swings” konnte er
all sein Wissen und all seine Talente einbringen. “Gregg arbeitete mit
Ray und Basie. Er lebte ihre Musik und ist im Studio einfach brillant. Deshalb
war er der perfekte Partner für dieses Projekt”, merkt Burk an.
Field und Burk holten das aktuelle, von dem Posaunisten Bill Hughes geleitete
Count Basie Orchestra ins Tonstudio, um den kraftvollen Vocals von Ray Charles
eine kongeniale Begleitband zur Seite zu stellen. “Unser Ziel war, eine
Aufnahme zu machen, die den typischen Klang des Basie-Orchesters haben sollte,
auch wenn dieses hier die Musik von Ray spielen sollte. Darüber hinaus
wollten wir, wann immer es möglich war, auch die Basie-Band featuren”,
erläutert Field.
Zum Count Basie Orchestra gesellten sich dann noch einige ganz besondere Gäste:
Die wunderbare Sängerin Patti Austin fertigte die Vokalarrangements für
die neuen Raelettes, denen sie dann auch noch ihre eigene Stimme lieh; als
Solisten traten unter anderem der Hammond B-3-Virtuose Joey DeFrancesco und
Gitarrist John Chiodini in Erscheinung; und die brillanten Arrangements für
das Orchester schrieben Koryphäen wie Quincy Jones, John Clayton, Tom
Scott und Larry Muhoberac.
Das ganze Projekt war für Field, Burk, die beteiligten Musiker und Techniker
natürlich ein sehr gewagter Drahtseilakt. Die instrumentale Begleitung
von Ray Charles’ Gesang sollte so nah wie möglich an jener der
Originalband sein, ohne forciert zu klingen. “Wir haben sehr hart daran
gearbeitet, die künstlerische Integrität aller zu wahren”,
meint Field, “und das Resultat ist eine erstaunliche Kombination von
Rays Vokalstil und dem typischen Basie-Sound. Ich kann gar nicht sagen, wie
oft wir im Studio die Spur mit der Stimme heruntergefahren haben, um an einem
Track zu arbeiten. Und wenn wir Rays Gesang dann wieder dazumischten, sträubten
sich uns vor Spannung und Aufregung die Nackenhaare.”
Als die Orchesterparts dann zur allgemeinen Zufriedenheit aufgenommen waren,
hieß es für Burks und Field alle Möglichkeiten des Pro Tools-Editing
auszuschöpfen. Ganze vier Monate dauerte es, bis die Aufnahmen technisch
perfekt zurechtgefeilt waren. Und auf das Ergebnis können Burks und Field
wahrlich stolz sein. Denn es klingt tatsächlich, als hätten Ray
Charles und das Count Basie Orchestra die Aufnahmen gemeinsam im Studio gemacht.