Thomas Quasthoff
“The Jazz Album”

Thomas Quasthoff

Watch What Happens

Es passiert nicht allzu oft in der Kunst, dass etwas völlig Neues entsteht. Etwas, das es in dieser Form noch nie gegeben hat. Gerade in der Klangkunst scheinen längst alle Limits ausgereizt. Mehr als andere Kunstgattungen lässt die Musik Neigungen erkennen, zum Accessoire zu verkommen. Über alle Genres von Klassik bis Techno hinweg gelten schnelle Konsumierbarkeit, Akkumulier-barkeit und Austauschbarkeit als Qualitätsmerkmale. CDs funktionieren wie Aktien. Sie steigen und fallen in den Charts. Nur wenige Musiker haben das Format, aus diesem Teufelskreis auszubrechen und mit neuen künstlerischen Inhalten und Formen einen Kontrapunkt der Nachhaltigkeit zu setzen.

Eine CD wie Thomas Quasthoffs Jazz-Album entsteht nicht über Nacht. Sie ist auch nicht das Er-gebnis eines Monats oder halben Jahres Arbeit. Viel mehr bildet sie den Kulminationspunkt eines Prozesses, der sich über Jahre erstreckt. Am Anfang dieses Vorgangs steht eine persönliche Posi-tionsbestimmung. Quasthoff hatte schon immer eine Affinität zum Jazz. Und doch musste er sich selbst die Frage beantworten, was er mit Jazz ausdrücken konnte, das in dieser Art und Weise noch nie gesagt worden war. Warum sonst ein Jazz-Album aufnehmen?

Thomas Quasthoff

Über das Leben Thomas Quasthoffs ist viel erzählt und geschrieben worden. Eine persönliche und künstlerische Passionsgeschichte, die deshalb vielen Menschen so unglaublich viel Kraft gibt, weil sie ein Happy End hat. Ein Künstler, der vermeintliche Grenzen nicht akzeptierte, über sich selbst hinauswuchs und in der Kunst internationale Anerkennung erlangte. Diese CD ist nun in zweifacher Hinsicht ein neuer Beleg für diese unbändige Lebenskraft. Quasthoff überwindet nicht nur einmal mehr eine von außen auferlegte Demarkationslinie, nämlich die zwischen zwei Genres, er erzählt auch aus einer neuen Perspektive sein Leben. Sämtliche Songs auf diesem Album stehen in einem ganz engen Verhältnis zur Vita, den Erfahrungen und Perspektiven des Sängers. Es lohnt nicht nur, sich dieser einzigartigen Stimme und ihrer Einbettung in Jazz-Band und Orchester hinzugeben, es ist auch ein Erlebnis, den Interpretationen der Worte zu folgen und der Geschichte, die das Album erzählt, Gestalt zu geben.

Ist dieses Jazz-Album wirklich ein Jazz-Album? Über den Begriff Jazz ist seit den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts zu viel gestritten worden, als dass sich auf diese Frage eine eindi-mensionale Antwort liefern ließe. Quasthoff, Produzent Till Brönner, Arrangeur Alan Broadbent und allen anderen Beteiligten ging es bei diesen Aufnahmen viel zu sehr um die Musik selbst, um nach einer einfachen Antwort zu suchen. Schnelle Kategorisierungen bleiben außen vor. Hier sind zwei Musiker, die die Messlatte lieber an sich selbst anlegen als an Konventionen und vage Terminolo-gien.

 









Thomas Quasthoff



Thomas Quasthoff zählt zu den bekanntesten Bass-Baritonen auf dem internationalen Klassikparkett, Till Brönner ist einer der bekanntesten Jazz-Trompeter außerhalb der USA. Allein aus der Chemie dieser beiden Persönlichkeiten ergeben sich zahllose Verbindungen, die den Erwartungen ihrer jeweiligen Fans entsprechen würden. Doch wer sich eingehend mit den beiden Lebensläufen be-fasst hat, weiß, dass ihr künstlerischer Erfolg gerade darauf beruht, immer wieder neue Horizonte zu formulieren.

»Wenn ich Jazz singe, dann klingt das nach Jazz und nicht nach Klassik im Jazz-Gewand«, lautet Quasthoffs Postulat. Seine Stimme beschwört auch nicht die Liederzyklen von Schubert oder Strauss herauf. Quasthoff bleibt ganz und gar Quasthoff. Man erkennt ihn in jedem einzelnen Ton, den er singt. Gerade weil er den Jazz ernst nimmt, ohne die großen Vokalisten der Jazz-Geschichte zu imitieren, und stimmliche Bereiche ausschöpft, die der Klassikhörer nicht von ihm gewohnt ist, wird er einer Auffassung von Jazz als Musik gerecht, die ein Höchstmaß an persönlicher Freiheit zulässt. Jazz-Puristen mögen dem Album einen Mangel an Improvisation vorwerfen. Doch besteht Improvisation wirklich nur in der Aneinanderreihung solistischer Exkurse und Eruptionen? Oder ist Improvisation nicht eher Ausdruck der Fähigkeit, aus jedem Partikel des künstlerischen Prozesses, seien es Noten, Wörter oder Harmonien, spontan das Optimum herauszuholen? In diesem Album steckt unglaublich viel Jazz, ohne dass es sich vorbehaltlos in die Koordinaten eines konventionellen Jazz-Albums einfügen ließe.



Thomas Quasthoff

Ihre Spannung bezieht die CD nicht zuletzt aus dem Kontrast der Persönlichkeiten von Quasthoff und Brönner. Dabei drückt sich diese Gegensätzlichkeit zumeist in winzigen Interferenzen aus, die in der Produktion jedoch umso stärker zum Tragen kommen. Beide sind Perfektionisten, beide sind besessen von der Schönheit des Klanges. Doch greifen diese Eigenschaften bei den beiden Musikern an völlig unterschiedlichen Stellen ineinander. Da wird an jedem kleinsten Detail so lange gefeilt, bis es hundertprozentig steht. Für Brönner ist es alles andere als leicht, Quasthoffs nahezu grenzenloses Ausdrucksspektrum zu kanalisieren. Quasthoff wiederum genießt es, mit jedem Take ein völlig neues Angebot zu einem Song, einer Sequenz, einem Wort oder auch nur einem einzelnen Laut zu machen. Jede Verschiebung des Kolorits eröffnet eine Unzahl neuer Horizonte, und das umso mehr, als die sinnlichen und inhaltlichen Bedeutungen hier weniger von dem gesungenen Wort selbst ausgehen, als von der Patina, mit der es von Quasthoffs Intonation überzogen wird.

Keines der Lieder dieser CD wurde eigens für diesen Kontext geschrieben. Die Art und Weise, wie sie von Quasthoff und Brönner zusammengefügt wurden, zeugt dennoch vom Erfindungsreichtum der beiden Protagonisten des Projekts. In ihrer Komplexität und Ganzheitlichkeit ergeben die Songs ein völlig neues Kunstwerk, einen in sich geschlossenen Liederzyklus, der zugleich berauschend schön und unerträglich spannend ist.

Wolf Kampmann
1/2007

 





Thomas Quasthoff auf CD



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The Jazz AlbumI









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Texte / Fotos:
Vollkontakt / Universal
Fotos: Jim Rakete




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