Fünf Jahre Elternschule Nordfriesland: Kein Bedarf an Super-Nannys


Ob die »Super-Nanny« auch in Nordfriesland gebraucht wird? »Nein – die Elternschule des Kreises macht die Nanny überflüssig«, antwortet Angelika Lies im Brustton der Überzeugung. In der beliebten TV-Serie »Die Super-Nanny« helfen praxisgestählte Erzieherinnen außer Rand und Band geratenen Kindern und ihren überforderten Eltern, ein vernünftiges Familienleben zu entwickeln.

»Auch wenn das Fernsehen immer nur ganz krasse Fälle zeigt: Probleme gibt es in jeder Familie mal«, weiß Angelika Lies. Die vierfache Mutter leitet die Elternschule des Kreises Nordfriesland. In deren Kursen lernen Eltern, wie sie verhindern können, dass Probleme sich zu Katastrophen auswachsen.

»Obwohl das Wort Schule im Namen auftaucht, gibt es bei uns keinen Frontalunterricht. Im Mittelpunkt stehen der Erfahrungsaustausch und die gegenseitige Beratung unter fachlicher Moderation«, berichtet Lies. »In der intensiven Diskussion mit anderen Eltern erhält man immer wieder sehr gute Tipps, um mit bestimmten Verhaltensweisen des Nachwuchses umzugehen und Situationen zu entschärfen.«


Es gibt drei Arten Elternschulkurse, die auf unterschiedliche Zielgruppen zugeschnitten sind: Kurse für Eltern mit Kinder bis zu drei Jahren bzw. mit drei bis zehn Jahren und Kurse für Eltern pubertierender Jugendlicher. Daneben werden Aufbaukurse zum Thema Konfliktlösungen sowie spezielle Seminare für Väter und Kurse für Migrantinnen angeboten.

»Das Ganze hat sich als ein wirkliches Erfolgsmodell herausgestellt«, freut sich Landrat Dr. Olaf Bastian. »Als wir die Elternschule – übrigens als erste Einrichtung dieser Art bundesweit – gegründet haben, wurde die Notwendigkeit von vielen bezweifelt. Doch die sehr gute Resonanz zeigt, wie richtig unsere Entscheidung war.«

Rund 500 Mütter und Väter nehmen an den über 40 Kursen im Jahr teil. Die Zusammensetzung ist bunt gemischt: Hier treffen sich alle Berufsgruppen vom Arbeiter bis zum Zahnarzt und stellen fest, dass sie sehr viel voneinander lernen können, berichtet Lies.

Ihre Aufgabe liegt in der Planung und Koordination. Die Kurse selbst werden von mehr als 100 speziell ausgebildeten Kursleitern – Männern wie Frauen – geleitet. Gemeinsam mit einer Kollegin hat Angelika Lies das zugrundeliegende Konzept entwickelt und die Kursleiter ausgebildet.

 









Kreis Nordfriesland - hoch oben im Norden von Schleswig-Holstein


Die Elternschule ist flächendeckend an 33 Standorten in Nordfriesland präsent, auch auf den Inseln. Die Kursinhalte sind nicht starr festgelegt, sondern werden auf die Teilnehmer abgestimmt und ständig weiterentwickelt. In der letzten Zeit nimmt die Zahl der ganz jungen Eltern zu: Die jüngsten sind erst 15 Jahre alt. »In dem Alter hat man natürlich ganz andere Probleme als Eltern Mitte Dreißig. Sicherlich können auch Teenager die Elternrolle ausfüllen. Aber einfacher ist es für eine Familie schon, wenn Vater und Mutter ein wenig mehr Lebenserfahrung mitbringen«, meint die Projektchefin. Deshalb werden die 15- bis 22-jährigen Eltern in besonderen Kursen zusammengefasst.

Seit knapp zwei Jahren hält die Elternschule auch Angebote für Kinder vor, die von Legasthenie betroffen sind – und für ihre Eltern. Legasthenie ist eine Entwicklungsstörung schulischer Fertigkeiten, die das Lesen- und Schreibenlernen erschwert. »Man kann durchaus lernen, damit umzugehen. Legastheniker sind im Leben nicht erfolgloser als andere«, erklärt Angelika Lies und verweist auf Albert Einstein und Tony Blair.

Hilfe aber ist in jedem Fall sinnvoll. Zahlreiche Institute bieten entsprechende Kurse an. Wenn die Leserechtschreibschwäche zu einer seelischen Behinderung zu führen droht, können sich die Eltern an das Amt für Jugend, Familie und Soziales des Kreises wenden. Der Kreis berät sie und lässt die Einschätzung von Fachleuten überprüfen. Doch wenn die Bestätigung wahrscheinlich erscheint, ermöglicht er dem Kind auch schon vor der abschließenden Diagnose den Besuch eines Förderkurses, den er gemeinsam mit speziell ausgebildeten Lehrkräften in mehreren Schulen im Kreisgebiet anbietet. Das Besondere: Auch die Eltern werden einbezogen. In besonderen Elternschulkursen lernen sie im Kontakt mit anderen betroffenen Müttern und Vätern, mit der Legasthenie umzugehen und den Lernprozess ihres Kindes zu fördern.

Ein Schwerpunkt liegt darin, die besonderen Talente, die jedes Kind hat, zu entdecken und zu stärken. »Die Einbeziehung der ganzen Familie bewährt sich immer wieder«, zieht Angelika Lies Bilanz: »Es ist wichtig, dass die ganze Familie an der Lösung des Problems arbeitet.«

»Wir haben hier eine schlanke, flexible Struktur aufgebaut, mit der wir schnell auf neue Herausforderungen reagieren und den Menschen ganz konkret helfen«, hebt Landrat Olaf Bastian aus Anlass des fünfjährigen Bestehens der Elternschule hervor. Er hält sie auch in Zukunft für unverzichtbar: »Hier wird sehr viel praktische Familienhilfe geleistet, und das muss auch so bleiben.«

 

Pressemitteilung Kreis Nordfriesland v. 9.2. 2005


Autor: Hans-Martin Slopianka, 09.02.2005
Quelle: Amt für Jugend, Familie und Soziales







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