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Auf den Spuren von Rungholt

Autor: CIS am 21.04.2016

Rungholt

„Ich nehme Sie heute mit auf eine Zeitreise“, sagt Wattführerin Christine Dethleffsen. Sie steht auf dem Deich bei Fuhlehörn auf Nordstrand und blickt auf das Wattenmeer, das Wasser läuft ab, erste höher liegende Wattbereiche fallen trocken. Im Westen ist die Hallig Südfall zu erkennen. „Es geht ins Mittelalter. In die Zeit der Hanse.“ Sagt die zertifizierte Nationalparkwattführerin, sie führt Gäste nach Rungholt. Dem legendären Rungholt, einem sagenhaften Ort; untergegangen in einer verheerenden Orkanflut vor mehr als 650 Jahren. „Kommen Sie, wir müssen langsam los, das Meer wartet nicht und es ist ein langer Weg …!“ Nicht nur in die Zeit zurück, sondern auch über eine Landschaft, die einst unterging – und zweimal am Tag bei Niedrigwasser ein wenig wieder aufersteht.

Foto: Kur- und Tourismusservice Pellworm

„Wir können die große Runde dorthin nur machen, wenn Nipptide ist – das Wasser also besonders tief abläuft. Sonst sind manche Gebiete überhaupt nicht zu erreichen. Entweder sie tauchen gar nicht auf oder die Priele, die wir auf dem Weg dorthin überqueren müssen sind viel zu tief.“ Auf festem Watt geht es im Zick-Zack gen Westen, den direkten Weg versperren Priele. Es sind insgesamt 14 bequem zu gehende Kilometer.

Die Gruppe erreicht den „Tonnenstein“; der den Eintritt in das Gebiet ehemaliger Warften markiert. „Warften sind künstlich aufgeworfene Wohnhügel“, erklärt Christine Dethleffsen, „sie ragten auch bei Sturmflut noch aus der tobenden Nordsee – dorthin haben sich Mensch und Vieh immer vor dem zu hohen Wasser retten können.“ Nur 1362 nicht mehr – dann kam die alles ertränkende „Marcellusflut“. Die Wohnhäuser von damals sind längst verschwunden, die Warften aber konnte die Nordsee bis heute nicht ganz abrasieren. Der geübte Blick erkennt sie schnell im abgelaufenen Watt.

„Das hier war eine Kirchwarft“, erklärt sie, „man erkennt es daran, dass keine Brunnenreste gefunden wurden.“ Damals schachteten die Leute ihre Brunnen mit Torfsoden aus, diese charakteristische Struktur wird zur Zeit eher selten gefunden, da sie zugeschlickt sind. Aber sie markieren ganz sicher alte Siedlungsplätze. „Also: Willkommen in Rungholt – der Tonnenstein liegt im Bereich der Obbenbüller Kirche, hier wird der Beginn des eigentlichen Rungholtgebietes angenommen!“

1362 ging eine ganze Landschaft unter – ein Ort trug den Namen „Rungholt“ (der lag zwischen den heutigen Inseln Nordstrand und Pellworm) und er wurde zum Synonym für die ganze Landschaft. Betrachtet man mit „Rungholt“ das gesamte untergegangene Gebiet, so wandelt man zwischen der Hallig Südfall und Nordstrand sicher über „Rungholt“. Im Norden sind Pellworm und die Halligen zu erkennen, wie sie sich eben über den Meeresboden erheben. Vor dem großen Ertrinken war dies zusammenhängendes Land und wurde von den Fluten der zweiten „Mandränke“ 1634 endgültig zerrissen und ersäuft. „Das eigentliche Rungholt hatte einen Hafen, war aber eher ein Siedlungsgemenge als eine Stadt, wie wir uns das heute vorstellen“, erklärt Christine Dethleffsen.

Dies also ist die Reise in die Vergangenheit. Hier war das legendäre Rungholt, das in den Sagen wiederauferstanden ist „ …und in Wirklichkeit eben doch nicht ganz untergegangenen ist. Wir laufen über altem Kulturland, man muss das wissen und ganz genau hinschauen.“ Laufen und Pausieren, Zuhören und Staunen. Der Blick reicht nach Südwesten an Hallig Südfall vorbei. Nun hat sich die Wattstruktur verändert: Sandbänke sind zu erkennen, die Nivellierung hat sich insgesamt erhöht. Die Gruppe marschiert auf eine der Erhebungen – es sind die alten Warften.

„Wir kommen jetzt in das Gebiet, in dem viele Fundstücke entdeckt wurden“, sagt Christine Dethleffsen. Ein Kollege von ihr hat ein Fass gefunden, sie selbst etliche Scherben sowie viele Tierknochen und sogar Menschenknochen, Ziegelsteine deuten auf wichtigere Häuser hin – zum Beispiel Kirchen. Und manchmal kann man Baumstuppen erkennen. „Rungholt war ein Handelsort, das kann man an den Fundstücken im NordseeMuseum Husum gut nachvollziehen. Ich möchte an dieser Stelle meine Gäste in diese Zeit zurückversetzen.“ Sie berichtet von den Langhäusern der damaligen Zeit, in denen Mensch und Vieh gemeinsam wohnten und mit getrocknetem Kuhmist heizten. Vom Salztorf, den sie abbauten und mit dem Salz verdienten und Handel trieben.

Aber auch davon, dass Vieh nach Sturmfluten eher verdurstete als ertrank – die Fethinge (offene Zisternen auf den Warften, in denen das Regenwasser für die Tiere aufgefangen wurde) waren versalzen. Dass die Pest wenige Jahre vor dem Untergang hier gewütet hatte, beständige Wetterverschlechterungen die Ernten miserabel ausfielen ließen. Davon, dass die wohl geschwächte Arbeitskraft der Rungholter vielleicht nicht ausreichte, um die Deiche in Ordnung zu halten und sich gegen die vernichtende Orkanflut zu wehren, die zwischen dem 15. und 17. Januar 1362 wütete. „Denken Sie daran: Wir marschieren hier über einige Warften, alles alte Siedlungsplätze – die Brunnenreste und Pflugspuren können Sie bei guten Bedingungen hier erkennen“, erinnert Christine Dethleffsen, „… und für die meisten Gäste ist das ein schaurig-schönes Gefühl!“ Sie erzählt und geht mit ihren Gästen hinein in eine untergegangene Epoche.

Noch längst nicht alles sei entdeckt worden, meint Christine Dethleffsen. „Die Masse liegt noch unter einem, anderthalb Meter Schlick und Sand begraben“, schätzt sie. Aber, so ihre Erfahrung: „Das kann sich nach jeder Flut ändern! Diese schnelle Veränderung des Meeresbodens ist gigantisch; was heute so aussieht, kann auf der nächsten Tour total unterschiedlich sein.“ Eine ominöse Sache aber hat sie seit langem im Blick und nur eine vage Erklärung: Westlich hinter dem Priel Fuhleschlott gelegen befindet sich eine auch für den Laien gut erkennbare Erhebung, eine Erdscholle, dahinter liegt Rungholts Kirchwarft – „…auf der ersten Erhöhung befindet sich eine Vertiefung von rund 150 mal 40 Metern, die sich bisher nicht verändert hat, die Form bleibt bestehen. Man geht davon aus, dass dies mal ein See war. Im Rungholtgebiet gab es wohl Süßwasserseen. Nicht groß, dafür tief und mit gutem Fischbesatz. Das ist total faszinierend.“

Die Gruppe muss umkehren und marschiert in Richtung eines großen Prieles „…dort müssen wir hin, da müssen wir durch. Auf dem Weg dorthin kann man sehr gut die parallel angelegten Entwässerungsgräben erkennen – die von 1362!“ Der Priel ist zehn, vielleicht zwanzig Meter breit und knietief und noch strömt das Wasser mit diesem unheimlichen Sog der Nordsee hinterher. Die liegt weit im Westen und lauert darauf, ganz bald wieder zu kommen. „Zwar ist noch Ebbe, also ablaufendes Wasser, doch wir müssen jetzt zurückgehen! Manchmal ist es regelrecht unheimlich, wie schnell das Wasser kommt.“ Die Vergänglichkeit vor Augen kehrt die Gruppe um. Die Menschen damals hatten keine Chance, als das Wasser kam. Christine Dethleffsen und ihre Zeitreisenden schon. Das Wasser läuft nun bald wieder auf, ganz, ganz schnell. Und Rungholt geht wieder unter wie seit 654 Jahren.

Weitere Informationen:

Erlebniswattwanderungen auf den Spuren von Rungholt: mit Christine Dethleffsen: www.watt-wandern.de

Weitere Informationen über Touren und Erlebnisangebote auf www.nordseetourismus.de


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